Im TV: Matthias Keidtel auf arte

 

Einen Einblick in Matthias Keidtels Arbeitszimmer gibt es auf ARTE. Das Kulturjournal hat Matthias Keidtel bei der Arbeit begleitet - am Schreibtisch, in der Volksbühne in Berlin und in der Casa del Habano. Schalten Sie ein! Wer den Termin verpasst hat, kann sich die Reportage hier noch einmal ansehen:

www.arte-tv.com/de/Kunst-Musik/1218252.html  

 

 

Interview mit Matthias Keidtel, Media-Mania.de

 

 

MM: Sie haben zwei Holm-Bücher veröffentlicht und der dritte Band liegt im Lektorat …

MK: Der ist durch, der ist fertig.

MM: Wann sind Sie auf die Figur von Holm gekommen?

MK: Also, das war ganz lustig. Es gab mal vor Jahren eine Figur, etwa dreißig Zentimeter groß, von einem norddeutschen Künstler, den er aus Holz, so aus Hafenholz, gemacht hat. Die Figur sieht so ein bisschen tumb aus. Die Holzfigur steht da, mit einem so ganz dicken Kopf, guckt nach oben und wundert sich, als ob er irgendetwas sieht und staunt. Diese Figur steht schon seit Jahren in meinem Arbeitszimmer und irgendwann habe ich die angesehen und mir gefiel die Haltung und der Holm ist aus dieser Haltung entstanden. Von Botho Strauß gab es kurz danach [nach der Entstehung von Holm] ›Der Untenstehende auf Zehenspitzen‹. Irgendwie passt das zu dieser Idee. Ich hatte Holm schon angefangen, als das Buch von Strauß erschien. Genau das ist diese Haltung. Er steht auf Zehenspitzen und will nach oben kucken, und da ist so eine Mauer und er will darüber kucken, dahin, wo alles passiert. Er sieht aber nur einen Teil davon. Und diesen Teil, da hat er dann eben nicht das komplette Bild. Aus dieser Idee – oder wie immer man das nennen will - ist sozusagen diese Figur entstanden.

MM: Es gibt am Ende des ersten Romans, beziehungsweise sind es eigentlich die letzten paar Sätze, so eine Art Zusammenfassung. Da begegnet Holm einem Menschen, der in komischen Schlieren, Windungen um Laternenpfähle herumgeht. Irgendwann hören diese Pfähle auf und der Mann weiß nicht mehr, woran er sich festhalten soll. Das passt ja ganz gut auf den Charakter von Holm.

MK: Genau. Das war sozusagen die Idee der letzten Szene und ich wusste in dem Moment auch, dass es weitergeht. Das war ja am Anfang noch nicht klar. Dieser Mann geht um die Pfähle herum und dann stellt sich Holm vor, er würde das alles wie mit der Schnur verbinden, um wieder zurückzufinden. Dann hören die Lampen plötzlich auf, und er steht plötzlich vor dem Nichts und sagt: Oh Gott, was mache ich jetzt? Und das war dann ein Cliffhanger für das nächste Buch.

Der Holm ist genauso, weil der sich versucht an der Wirklichkeit festzudocken, mit irgendwelchen Ritualen, zum Beispiel mit seiner Tante, oder eben mit dieser Frau. Das ist ja auch der Hintergrund, warum er sich die Frau angelt oder anschafft – ja, anschafft, machen wir uns da nichts vor, um sozusagen ein Selbst zu bekommen, eine Welt, um geerdet zu werden. Er lebt ja im luftleeren Raum auf dem Sofa und weiß nicht so genau, wie er jetzt reinkommt ins Leben. Die Rituale sind da wichtig, aber auch die Frau. 

MM: So wie er am Anfang dargestellt wird, ist er unglaublich zwanghaft. Es muss alles nach seinen Regeln passieren, die er aber nicht unbedingt als seine Regeln empfindet. Er passt sich da anderen Zwängen an.

MK: Ja.

MM: Der Roman ist ja auch ein Roman einer Befreiung von diesen zwanghaften Regeln, die nicht so richtig klappt.

MK: Es ist im Grunde ein großer Entwicklungsroman, über drei Bände. Holm entwickelt sich im zweiten Band weiter nach draußen, ins Freie. Im dritten Teil befreit er sich dann vollkommen von seinen Zwängen.

Die Zwänge haben ihn zunächst von außen gefasst und er kann gar nicht anders als sie auszuführen. Aber er weiß natürlich auch, dass er anfangen muss selbstständig zu leben. Dieses selbstständige Leben lernt er im Laufe der Trilogie. Zumal im letzten Teil ein Kind eine Rolle spielt.

MM: Holm ist ja eigentlich eine unglaublich tragische Figur. Sie haben daraus aber einen Roman gemacht, der, ich möchte nicht sagen humorvollen Roman, aber der sehr viel Humor in sich trägt. Da ist ja auch eine sehr große Spannung drin.

MK: Also der Humor kommt bei mir schon aus dem Ernsten raus, mit dieser ernsten Grundhaltung, oder vielleicht auch eine tragische, man hat dann sozusagen eine Tragikomödie oder wie immer man das auch bezeichnen will. Aber es kommt schon aus dieser tragischen Grundhaltung heraus, dieses ›Man muss irgendwann sterben. Was mache ich bis dahin?‹, also diese Todesangst, die spielt im Hintergrund schon eine Rolle. Aus dieser ernsten Grundhaltung entsteht dann auch die Komik und der Humor. Das ist keine Nummernrevue.  Die Figur selber ist ernst. Der äußere Blick macht daraus etwas Komisches, und es entstehen natürlich auch komische Situationen, mit dieser leichten Drehung an der Wirklichkeit, die diesen Aha!-Effekt auslösen. Die Frage ist eben, wie man das darstellt. Wie Holm in den Supermarkt geht und die Sachen nacheinander aufstellt, aber eigentlich ist ihm das gar nicht recht, weil er immer Angst hat, dass die Leute sehen, was er isst. Vor allem aber möchte er nicht erkannt werden in seinem ganzen Leben. Und diese ganze Öffentlichkeit, in der er seine Essenssachen auf das Band stellt und das rollt auf die Kasse zu, und dann kommt noch das Klopapier dazu. Dann wissen alle Menschen sofort, was danach kommt, das Intime. Das ist für Holm ganz schrecklich. Intimität ist ja ohnehin schrecklich für ihn. Diese Körperlichkeit ist ein wichtiger Punkt, diese Angst vor der Körperlichkeit, vor dem eigenen Körper, dem fremden Körper und dem Körper von Frauen sowieso. Das spielt bei ihm eine große Rolle.

MM: Die Beziehung zu der Frau, dieser Ulrike, plant er ja praktisch wie den Einfall in ein fremdes Land. Sie benutzen da sehr viele Kriegsmetaphern.

MK: Das habe ich gar nicht mehr so genau in Erinnerung. Aber klar, das ist ja eine Art Marsch aufs Leben (lacht) und da werden auch Geschütze aufgefahren, da werden Strategien aufgestellt, wie er an diese Frau kommt, und dann macht er Pläne. Klar, das hat schon was Kriegerisches.

MM: Es geht ihm wirklich darum, dass er bestimmte Sachen in Stellung bringt. Ganz bezeichnend finde ich die Szene am Salatbuffet, die auf der einen Seite unglaublich bitter ist und auf der anderen Seite total witzig, weil er sozusagen so etwas wie einen Hinterhalt plant und die Szene dann ja praktisch in einem Salatblatt endet.

MK: (lacht) Ja, die Szene habe ich auch noch gut in Erinnerung.

MM: Und das erste Mal, wo es kippt, wo es auch ganz faszinierend drollig kippt, ist das erste Mal, als er mit Ulrike schläft. Da konnte ich vor Lachen erstmal nicht weiter lesen. Aber in dieser Szene wird Holm selber seiner Tragik so bewusst und auf der anderen Seite ist man als Leser ständig am Lachen.

MK: Ja, ich weiß nicht, ob er sich seiner Tragik bewusst wird. Er sieht da, dass es ernst wird. Er ist jetzt sozusagen im Nahkampf und sieht da erstmal wie völlig unbeholfen er ist. Klar, dass ist der erste sichtbare Moment dieser Unbeholfenheit, dieser großen allgemeinen Unsicherheit. Die Szene ist auch am Ende des ersten Teils, und klar, dann kommt das nächste Kapitel in seinem Leben, wo er mit dieser Frau Dinge erlebt. Da ist er zum ersten Mal unter Live-Bedingungen mit einer Frau zusammen.

MM: Ja, und das haben Sie ja wunderbar geschildert. Sie haben hier eine Männer-/Frauen-Beziehung geschaffen, die ganz fernab dieser, man muss ja auch wieder Kriegsführung sagen, wie sie in der deutschen Comedy zwischen Männern und Frauen dargestellt wird. Hier haben Sie dem Thema noch mal ganz andere Aspekte abgewonnen.

Was mich an dem Buch aber am meisten fasziniert hat, ist gar nicht der Humor, sondern Ihre Alltagsbeobachtungen. Sie haben ganz vielen Figuren sehr neue Seiten abgewonnen, die man zwar sofort versteht, die man selbst aber nie so gesehen hätte. Wo haben Sie dieses Beobachten gelernt?

MK: Ich bin ja im Ausland groß geworden. Und dieses Gefühl von Fremdheit hat natürlich meine Sinne geschärft. Wenn man zum Beispiel in Japan unterwegs ist, zumal damals in den 80er Jahren, da gab es kaum westliche Schriftzeichen, es gab nur japanische Schriftzeichen und man musste halt vieles genau beobachten.

Es gab zum Beispiel ein Symbol für Shibuya, Shibuya ist ein Stadtteil von Tokio, und das japanische Symbol ist so ein kleines Häuschen. Und dann habe ich immer gekuckt, wo dieses Häuschen ist. Wenn ich das Häuschen sah, dann wusste ich, dass ich richtig bin und da geht’s nach Shibuya.

Wahrscheinlich hat das meine Aufmerksamkeit für den Alltag geschärft. Wenn ich hier in Deutschland bin, dann sehe ich viele Sachen, die die Menschen, die hier aufgewachsen sind, nicht sehen. Da ist diese Fremdheit, die meine Beobachtung bestimmt. Das ist ein schönes Gefühl von Fremdsein. Ich wohne ja jetzt in Deutschland. Man wundert sich einfach über viele Sachen und diesen Moment des Wunderns beobachtet man auch bei ganz alltäglichen Dingen. Warum zum Beispiel man an einer Ampel bei Grün geht und nicht bei Rot. Dass man eben nicht alles für bare Münze nimmt. 

Oder wenn wir zum Beispiel telefonieren – das ist ja eine ganz banale Sache. Keiner kann mir genau erzählen, wie das funktioniert. Klar, das wird in Impulse umgewandelt. Aber das ist doch völliger Wahnsinn, mit Japan oder USA und das kommt da an, live. Man müsste eigentlich ständig durch die Gegend laufen und sagen: Das ist doch völliger Wahnsinn! (lacht)

MM: Also die Grundeinstellung ist für Sie dieses Sich-Wundern, dass etwas so und so ist. Im Prinzip ist das Philosophie.

MK: Ja, Philosophie. Der Ursprung der Philosophie ist es, sich zu wundern und daraus sind philosophische Systeme entstanden. Und auf diesem Wundern basiert letztendlich ja auch das Buch [der Holm, A.d. R.].

MM: Gibt es den Holm eigentlich wirklich?

MK: Es gibt ihn nicht wirklich. Klar, er basiert auf persönlichen Erfahrungen. Aber diese persönlichen Erfahrungen benutze ich wie ein Trampolin, worauf ich hochspringe, mal höher, mal tiefer und sozusagen [die Gedanken] herumspielen lasse, mal übertreibe, mal untertreibe. Es gibt Holm nicht wirklich, aber die Grundfigur, das bin ich, sicher.

Die Sachen, die er erlebt, habe ich nicht erlebt. Aber ich habe mir oft die Frage gestellt, was wäre, wenn … Holm ist eine Art Weiterentwicklung.

Aber das ist mir auch wichtig, dass Holm eine ernstzunehmende Figur ist, keine lächerliche Figur.

Also ich habe sie ernst genommen. Ich hoffe, dass der Leser sie auch ernst nimmt. Klar, es gibt auch viele, die sagten, so einen Typen kenne ich, ich habe da einen in meinem Freundeskreis, der ist genau so. Es gibt da wohl Leute, die so ähnlich sind, wie Holm.

MM: Dieser Mann, der auf der letzten Seite auftaucht, den gibt es ja wirklich. Im Prenzlauer Berg gibt es einen Menschen, der genauso komisch um die Laternen herumläuft. Ich hatte mir vorgestellt, Sie haben den gesehen und sich gesagt haben: Oh, der passt gut in den Roman hinein.

MK: Den habe ich nicht gesehen. Ich hatte diese Idee und habe die eingesetzt. Aber das bestätigt mir, dass ich da ganz real gedacht habe. (lacht)

MM: Was lesen Sie im Moment?

MK: Ich bin ein sehr sinnlicher Mensch, Wein, Essen, das mag ich sehr gerne. Und Susanne Kippenberger hat ein sehr schönes Buch geschrieben, das heißt ›Am Tisch‹, da geht es um Köche und um genießerische Menschen, die Freude am Essen haben und die dann Köche geworden sind. Jetzt habe ich gerade Harry Rowohlt gelesen, ›Pooh’s Corner‹, zwei Bände im Kein & Aber-Verlag. Das liest sich halt so weg.

Romane habe ich schon lange nicht mehr gelesen, weil mich schon lange nichts mehr gepackt hat. Ich bin zwar auf der Suche nach Schmökern, die mich so packen wie in meiner Jugend, aber ich habe keine mehr gefunden. Das habe ich schon lange nicht mehr gehabt.

MM: Oh!

MK: Deshalb muss ich die wohl selbst schreiben. (lacht)

MM: Also ähnlich dem Harry Potter von Joan Rowling, die ja auch gesagt hat, ich habe keine Bücher gefunden, die mir gefallen haben, also habe ich mir den selbst geschrieben.

MK: Genau so ist es. Ich schreibe die Bücher, die ich gerne lesen würde. Das habe ich auch beim Herrn Strunk gemacht. Aber auf die Länge funktioniert der nicht. Das ist bei vielen Sachen so, dass die für mich funktionieren, wenn sie kurz sind, und wenn das plötzlich länger wird, dann packt es mich nicht mehr.

MM: Gibt es einen Ort, an den Sie sich gerne zum Lesen zurückziehen?

MK: Meine Couch. Oder im Bett. Abends vor dem Einschlafen noch mal eine dreiviertel Stunde zu lesen, das finde ich auch sehr schön. Ich lese nicht draußen. Also hier [im Foyer des Hotels Savoy] möchte ich lieber gucken. Oder nachdenken. 

MM: Gibt es ein Buch, das Sie besonders in Ihrem Leben geprägt hat?

MK: Mich haben komischerweise immer bestimmte Filme mehr geprägt als Bücher. Ein schönes Buch habe ich nicht. Filme haben mich immer mehr fasziniert, sei es die Loriot-Sachen, die ich natürlich wunderbar finde. Loriot ist ja großartig. Aber zum Beispiel auch Monsieur Hulot, Jacques Tati, die haben mich immer fasziniert.

Und dann zum Beispiel dieser Film mit Tom Hanks, ›Forrest Gump‹.

Wen ich früher ganz gerne gelesen habe, das war Henscheid, ›Trilogie des laufenden Schwachsinns‹. Das ist eine seiner ganz frühen Sachen. Er hat ja auch keine Gags, sondern das sind dann in seinen Büchern auftauchende Humorfelder. Und er hat einfach eine tolle Sprache.

Wen ich dann auch sehr gerne gelesen habe, ist Wilhelm Genazino. 

MM: Der sagt mir nun gar nichts.

MK: Der hat auch eine sehr gute Beobachtungsgabe. Der müsste jetzt Mitte, Ende sechzig sein. Der ist damals im literarischen Quartett besprochen worden, von Reich-Ranicki, mit ›Ein Regenschirm für diesen Tag‹. Das ist ein relativ kurzes Buch, zweihundert Seiten. Da sind auch sehr schöne Bebachtungen drin und eine Art von Humor, die mir sehr gefällt. 

Und, den vergesse ich immer wieder, ich weiß nicht warum, Kempowski und zwar seine Tagebücher, die ich großartig finde. Hamit, Alkor, Sirius und Somnia. Das sind Tagebücher, die von Kempowski leicht bearbeitet wurden. Das basiert auf den jeweiligen Notizen, die sind schon ausgewählt und bearbeitet, aber für mich ist das so, wenn ich was mit auf eine einsame Insel nehmen würde, dann diese Tagebücher. Die sind von einem großartigen Humor.

Von der Kritik ist er sehr unterschätzt worden, weil er so leichte Literatur schreibt. Also der ist ganz wunderbar, mit einem Humor, der so nebenher läuft. Ich bin hingerissen. Ich kann den nur empfehlen.

MM: Wunderbar. Dann haben wir ja schon eine Empfehlung für unsere Leser.

Was kommt nach Holm?

MK: Also nach Holm kommt eine Figur, ich möchte jetzt natürlich nicht alles verraten, aber es ist auch eine wunderliche, eine wackelige Figur, es ist ein sehr hässlicher Mensch, der heißt Löhlein. Bei Gerhard Polt gibt es eine kurze Szene, die heißt ›Warten auf Herrn Löhlein‹, aber das wusste ich gar nicht. Das hat mir eine Freundin erzählt.

Dieser Löhlein ist Mitte vierzig. Der sieht aus wie ein altes Kind. Das haben Sie vielleicht schon mal gesehen. Diesen Typ habe ich oft gesehen, zum Beispiel auf Lesungen. Ich gehe relativ selten zu Lesungen aber so einen habe ich immer gesehen. Das ist ein kleiner Mann, ist immer korrekt angezogen und hat meist einen Pulli an. Man muss sich vorstellen, der ist wie ein Kind, der nur älter geworden ist, mit Falten und großen Ohren.

Er ist todunglücklich, hat also immer schlechte Laune und ist ganz pessimistisch. Das ist eigentlich so eine Figur, wo man sagt: Wie fürchterlich, der sieht alles nur schwarz. Heimlich hat er natürlich den Wunsch: Ich möchte gut gelaunt sein und das Leben genießen und das kommt dann irgendwie raus, dann lernt er nämlich eine Frau kennen und … ja, mehr möchte ich jetzt nicht verraten. 

MM: Wunderbar. Dann wünsche ich Ihnen erstmal viel Erfolg für Ihre Holm-Trilogie und viele begeisterte Leser. Sie verdient ja auch viele Leser. Und natürlich freue ich mich auch auf viele weitere Bücher von Ihnen, wie den Herrn Löhlein.

Ich bedanke mich bei Ihnen.

MK: Bitte.    


Das Interview führte Frederik Weitz, Media-Mania.de, im Dezember 2009.


 

 

 

»Raucher sind doch keine Perversen«

 

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Matthias Keidtel über das Schreiben, das Trinken, den Humor, die Sicherheit, Teheran und Tokio, den Mann von heute, vor allem aber über eins: das Rauchen. Von Maik Söhler

 

Matthias Keidtel ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Vor ein paar Wochen ist sein Roman »Ein Mann wie Holm« erschienen, der erste Band seiner »Trilogie des modernen Mannes«. Es ist ein leises und dabei leidenschaftlich-komisches Buch über das Leben des reichlich unmotivierten und im alten Westberlin lebenden Mittdreißigers Felix Holm. Er versteht nur wenig von dem, was im Alltag um ihn herum vor sich geht. Vom Einkauf im Supermarkt über den Besuch einer Disko bis zum Sex – alles wirkt fremd auf ihn. Was ihm bleibt, sind Experimente – und das Rauchen.

 

Ich treffe mich mit Matthias Keidtel auf seinen Wunsch in der Casa del Habano, einer Bar, die zum Savoy Hotel in der Charlottenburger Fasanenstraße gehört. Draußen ist es bewölkt, drinnen auch. Das Casa ist ein Treffpunkt für alle, die Zigarren lieben. Zwischen der Bar und dem Hotel befindet sich ein Zigarrengeschäft, dort hat Keidtel früher gearbeitet und manchmal tut er es noch heute. Als ich mich zu ihm setze, liegen schon zwei Zigarren bereit. Das Interview kann beginnen.

 

Was genau haben sie da bereit gelegt?

Eine San Luis Rey, sehr würzig, grasig, erdig – eine frugale Zigarre, ganz anders als eine Cohiba oder Monte Cristo und auch längst nicht so teuer.

Was trinken wir dazu?

Suchen Sie sich was aus, es ist eigentlich ganz egal. Es gibt keine Konsumvorschriften für Zigarren, und wenn es sie doch gibt, dann muss man sie ja nicht beachten. Es gibt kaum was Alberneres als Genussvorschriften und Raucheretiketten. Nur von einem Bier würde ich Ihnen abraten. Nehmen Sie was Stärkeres.

Was trinken Sie?

Einen Gin-Tonic.

Dann nehme ich auch einen. Wie sind Sie zu den Zigarren gekommen?

Ich habe damals hier im Zigarrengeschäft gearbeitet und diese Art des Tabaks lieben gelernt. Zigarren schmecken mir einfach. Wichtig ist auch, dass sie Naturprodukte und per Hand gerollte kleine Kunstwerke sind.

Sie betonen das »per Hand« so auffällig. Schreiben Sie Ihre Bücher etwa noch per Hand?

Ja. Ich habe es auch schon mit dem Computer versucht, aber das geht nicht, da bleibt die Distanz zum Text zu groß, das ist, als ob man im Labor arbeiten würde. Ich schreibe lieber in diese kleinen karierten Hefte, die man bei der Post kaufen kann und übertrage das Ergebnis später in den Computer. Beim Abtippen kann ich die Passagen gleichzeitig überarbeiten.

Ich glaube, dass zu jedem eine bestimmte Größe passt. Bei mir muss es ein kleines Heft zum Schreiben sein und auch bei den Zigarren sind mir die kleineren Formate lieber. Eine Doppel-Corona, die etwa ein Drittel größer als die San Luis Rey ist, schmeckt zwar auch gut, passt aber überhaupt nicht zu mir.

Sind Sie ein Formalist?

Sagen wir es mal so: Die Form ist mir sehr wichtig. Das beginnt bei den Schreibzeiten, die sehr regelmäßig sind: vormittags und nachmittags. Je gleichmäßiger die Tage und ihr Ablauf geraten, desto besser gerät auch der Text. Ich bin da wie ein Beamter, kleinste Unregelmäßigkeiten werfen mich aus der Bahn. Vor kurzem bin ich mal verreist, und anschließend hatte ich Schwierigkeiten, meinen Schreibrhythmus wieder zu finden.

Sie sind also keiner der Schriftsteller, bei denen Schreiben und Trinken eine Symbiose bilden?

Früher habe ich auch gerne mal beim Schreiben was getrunken. Und nach dem fünften Glas war der Text richtig genial. Aber am nächsten Morgen dachte ich: »Was für ein Scheiß!« Da habe ich gemerkt, dass beides zusammen bei mir nicht geht. Aber das Rauchen beim Schreiben ist sehr wichtig. Meine Arbeitszigarre ist die »Belvedere« von Romeo y Julieta, sehr lecker, aber nicht so gut wie die San Luis Rey. Am besten schmecken Zigarren übrigens vor dem Frühstück…

…noch vor dem Kaffee? Oder beim Kaffee?

Vor dem Kaffee, wenn der Gaumen noch jungfräulich ist. Das habe ich mir angewöhnt, als ich noch hier im Laden gearbeitet habe. Eine fantastische Erfahrung. Außergewöhnlich gut schmecken Zigarren auch vor einem Gewitter, wenn es draußen sehr schwül ist. Dann sollte man auf den Balkon treten und eine Zigarre anzünden. Ich glaube, die Zigarre erinnert sich an ihre tropische Herkunft und fängt an so richtig zu leben.

Im Urlaub kann es ja auch so sein, dass Zigarren gut schmecken. Ist man wieder zu Hause und raucht sie dort, denkt man, bäh, was für ein Kraut. Woran liegt das?

Dort ist die Zigarre daheim, hier nicht. Nein, im Ernst: Im Urlaub sind Sie ständig entspannt und zu Hause nur noch selten. Rauchen findet ja auch im Kopf statt und Entspannung ist für den Kopf und fürs Rauchen wichtig. Auch hier schmecken Zigarren am besten, wenn Sie völlig gelöst sind.

Rauchen Sie auch Zigaretten?

Nein, schon länger nicht mehr. Früher habe ich Gauloises ohne Filter geraucht, gerne geraucht. Schmeckt mir heute nicht mehr, so wenig wie mir früher Zigaretten mit Filter geschmeckt haben. Die Filter verderben den Tabakgeschmack. Seit 1996 rauche ich nur noch Zigarren. Damals habe ich noch studiert, da hat das begonnen.

Wie weit liegen die ersten Erfahrungen mit dem Rauchen zurück?

Das muss so im Alter von 16, 17 gewesen sein. Das war im Ausland, in Tokio, wo ich damals mit meinen Eltern gelebt habe. Es waren Zigaretten, später auch mal Zigarillos, Capone, ein furchtbares Zeug. Habe neulich mal wieder eine rauchen müssen, völlig parfümiert, einfach Ekel erregend. Irgendwann habe ich dann aufgehört, die Kippen in ein Einwegglas gesteckt und »Das waren die letzten Zigaretten« drauf geschrieben. Es waren auch die letzten, danach kamen Zigarillos und Zigarren. Bei den Zigarren bin ich nun hängen geblieben.

Und hier in der Casa del Habano, die Sie mit großer Leidenschaft als Treffpunkt vorgeschlagen und wo Sie neulich auch aus Ihrem Roman gelesen haben. Was verbindet Sie – über Ihre Arbeit hinaus – mit diesem Ort?

Neben dem Rauchen und der Atmosphäre, sind es vor allem Leute, die ich hier kennen gelernt habe. Das Savoy ist allgemein nicht so bekannt, aber viele Künstler steigen hier ab. Zum Beispiel Ken Adam, einer der führenden Production Designer, der das Bild der frühen James-Bond-Filme maßgeblich geprägt hat – all diese Unterwasserfahrzeuge, Schleudersitze, Sie wissen schon. Er hat in Babelsberg einen Film gedreht und wohnte ein Dreivierteljahr lang hier im Hotel. Auch er ist Zigarrenraucher und wir haben uns darüber ein wenig angefreundet. Oder Paul Auster. Oder Helmut Newton. Auch Roman Polanski habe ich schon Zigarren verkauft, eine Monte Christo Nr. 3. Ken Adam hat immer nur Monte Cristo Nr. 4 geraucht.

Sagt die Zigarre etwas über die Leute aus, die sie rauchen?

Ich würde nicht von der Zigarre auf den Menschen schließen, sondern vom Menschen auf die Zigarre. Man erkennt gleich die Etikettenraucher. Wer da mit einer Cohiba rum sitzt, ist oft kein klassischer Zigarrenraucher oder Connaisseur, sondern ihm geht es darum, dass die Cohiba einfach teuer ist und er zeigen will, dass er sich das leisten kann. Interessant ist, dass häufig kleine Frauen besonders große Zigarren rauchen. Man muss sich dabei aber nichts denken. Sigmund Freud sagte schon: »Eine Zigarre ist manchmal nur eine Zigarre.«

Aber die Raucher unterscheiden sich doch stark. Zwischen Opas Handelsgold und Schröders Cohiba liegen ja Welten.

Zigarrenraucher gab es ja immer, Rauchen ist ein alter kultureller Brauch. Früher gab es exklusive Clubs, in denen Zigarren geraucht wurden. Dann konnte sich auch der einfache Arbeiter sonntags eine leisten. In den neunziger Jahren wurde schließlich der Genuss wieder wichtiger. Vermutlich spielen dabei auch Filme wie »Buena Vista Social Club« oder »Smoke« eine Rolle. Und durch die New Economy war plötzlich Geld da. 25 Euro für eine Cohiba muss man erstmal haben. Es kam wieder in Mode, es wurde wieder chic, Zigarren zu rauchen. Dann brach der Boom zusammen, und mit ihm verschwand die Zigarre als Statussymbol. Daran sieht man, wie schwach die Genusskultur in Deutschland ausgeprägt ist.

Nicht nur in Deutschland. Derzeit wird das Rauchen in aller Welt zurückgedrängt. In New York oder Rom müssten wir jetzt auf der Straße weiterrauchen…

Ich verstehe ja, dass man beim Essen nicht voll gequalmt werden will. Aber warum kann man den Rauchern in den Lokalen nicht wenigstens eine kleine Ecke lassen? Dieser Gesundheitsfimmel ruiniert eine ganze Kultur. Raucher sind doch keine Perversen, aber in den USA wird man behandelt, als würde man öffentlich die Hosen runter lassen.

Rauchen Sie gegen solche Trends an – so nach dem Motto »Jetzt erst recht«?

Das ist mir völlig egal. Ich rauche nur für mich und nicht um zu zeigen, dass ich ein toller Typ bin oder gegen den Gesundheitsminister oder so etwas. Mein Eindruck ist, die Leute, die nur gesund leben, tun sich nichts Gutes. Denn zum Leben gehört auch Genuss: Tabak, Alkohol, gutes Essen. Und der Körper reagiert positiv auf Lustgefühle, die durchs Rauchen, Trinken, Essen erzeugt werden können. Das wiederum hat Auswirkungen auf unsere Gesundheit, die immer ja auch mentale Gesundheit ist.

Außerdem: Wer sich das alles vorenthält, lebt doch nur im Stress. Auch daran kann man sterben. Dieser Gesundheitsideologie sollte man mit maßvollem Genuss begegnen.

Rauchen ist für Sie in erster Linie …

… Genuss. Nur Genuss. Jeder Mensch genießt anders, mir jedenfalls bringt diese Art von Genuss mehr, als drei Wochen auf Gran Canaria in der Sonne zu sitzen. Naja, beides zusammen ist auch schön. Außerdem regt Tabak die Nerven an, deswegen dampfe ich mich morgens vor dem Schreiben immer zu, in der Hoffnung, dass die Zigarren einen Produktivitätsschub einleiten. Ideal ist auch die Kombination Zigarre und Gespräch. Das hat etwas Archaisches, früher haben sich die Leute ja noch am Lagerfeuer Geschichten erzählt. Wenn man so will, sitzen wir hier am Minilagerfeuer – in Form der Glut – und erzählen uns auch Geschichten.

Von Sucht sprechen Sie gar nicht.

Warum auch? Ich kann problemlos fünf Tage ohne Zigarre auskommen. Obwohl ich am dritten Tag denke, »jetzt könnte mal wieder ’ne Zigarre kommen«. Bei Zigaretten ist es vermutlich deswegen anders, weil da vielleicht irgendwas rein gemischt wird, was abhängig macht. Bei Zigarren geht es mehr um Gewohnheit und weniger um Sucht.

In Ihrem Roman arbeitet der Protagonist Felix Holm in einem Zigarrengeschäft. Baut man so etwas automatisch ein oder ist das eine bewusste Entscheidung?

Die Idee war ganz schlicht: Holm braucht einen Job, um endlich ganz praktisch im Leben anzukommen. Dass er im Zigarrengeschäft unterkommt, liegt natürlich daran, dass ich mich dort auskenne. Ich hätte ihn auch in der Werbebranche platzieren können, aber dann hätte ich recherchieren müssen und dazu hatte ich keine Lust. Es ist aber nicht so, dass ich jetzt in meinen Büchern überall zwanghaft Zigarren einführe.

Holm hätte doch gut ohne Zigarren auskommen können. Man hat den Eindruck, er ist so lethargisch und hat so viel mit sich selbst zu tun, dass seine Art des Genusses allein darin bestehen könnte, auf dem Sofa zu liegen und die Zeit totzuschlagen.

Holm weiß nicht, was er eigentlich im Leben will und was das Ganze überhaupt soll. Er fragt sich ständig, welchen Grund er hat, überhaupt am Leben teilzunehmen. Er hat Ideen und probiert dann aus, wie es ist, diese Ideen auszuleben. Einen Job haben. Eine Freundin haben. Eine Zigarre rauchen. Sein Aha-Erlebnis ist aber ein anderes, nämlich als er eine Zigarette raucht. Die schmeckt ihm, obwohl er immer gesagt hat, man sollte Zigarren rauchen.

Eine Zigarette als literarischer Wendepunkt?

Ja, denn dabei entwickelt sich bei ihm plötzlich und zum ersten Mal eine eigene Meinung und ein Gefühl für seine Wünsche. Durch eine einzige Zigarette kommen ihm Zweifel an seinem bisherigen Lebensweg, eine einzige Zigarette führt ihn zu sich selbst. Das entwickelt sich so zum Ende des Romans hin, und dabei kam mir die Idee, den Roman fortzusetzen.

Und daraus erwächst nun die angekündigte »Trilogie des modernen Mannes«?

Nicht nur daraus. Die Figur des Holm ist für mich mehr als nur einen Roman gut, da kann man mehr rausholen. Und sie ist typisch – wenn auch literarisiert und deswegen übertrieben, klar übertrieben – für die Problematik des modernen Mannes.

Im Frühjahr sind gleich drei Neuerscheinungen deutscher Schriftsteller auf die, wie Sie es nennen, »Problematik des modernen Mannes« zu sprechen gekommen. In Frank Schulz’ »Das Ouzo-Orakel« wähnt sich die eremitisch-abstinente Hauptfigur in einem griechischen Dorf von einer Frau fast in den Wahnsinn getrieben; Joachim Lottmann meinte sogar seinem neuen Roman »Zombie Nation« einen selbst verfassten Klappentext mitgeben zu müssen, in dem es heißt: »Was Frauen den Männern antun, ist der eigentliche Irak-Krieg unserer Epoche.« Und auch in ihrem Roman scheint der Protagonist weder mit der Welt noch mit den Frauen klarzukommen. Was genau ist das, die »Problematik des modernen Mannes«?

Der Mann hat heute eher ein Rollenproblem als die Frau. Denn die Frauen haben sich durch die Emanzipation einfach weiter entwickelt. Bis vor 50 Jahren gab es feste Rollen. Der Mann ging arbeiten, holte das Geld rein, und die Frau war zuhause bei Herd und Kindern. Mit der Zeit hat sich das alles immer mehr aufgeweicht und heute gibt es alle möglichen Formen von Partnerschaft und die Arbeit ist anders verteilt. Das ist gut. Aber emotional haben offensichtlich viele Menschen diesen Veränderungen nicht folgen können. Dieses Revival traditioneller Werte und Rollen, das wir gerade erleben, ist ein Ausdruck davon.

Sie meinen die Feuilletondebatten um die »neue Bürgerlichkeit« oder die konservative Beschwörung von Familie und Kindern? Aber das sind doch nur plumpe Versuche, den Kalender wieder auf 1967 zurückzublättern…

Ein anschauliches Beispiel dafür, um was es mir geht, bietet ein Erlebnis mit meiner früheren Freundin. Eine sehr emanzipierte Frau, der man noch nicht mal was aus der Apotheke holen durfte, wenn sie krank war. »Ich kann das schon selber«, hieß es immer. Sie wollte eigenständig sein und lehnte diese alten Rollen ab.

Eines Tages ging sie raus und wollte zur Arbeit. Ihr Auto parkte direkt vor meiner Haustür. Es hatte geschneit und war spiegelglatt. Ich stand am Fenster, schaute raus und sah, dass sie mit dem Auto nicht aus der Parklücke kam. Nicht, weil sie es nicht konnte, sondern, weil alles vereist war. Sie versuchte es immer wieder, aber es wollte nicht klappen. Ich sah das und überlegte, ob ich jetzt runtergehen und das Auto anschieben soll. Dann aber dachte ich, mach das lieber nicht, sonst kriegst du einen auf den Latz und es heißt wieder: »Ich kann das schon selber.«

Sie stieg irgendwann aus und sah mich am Fenster. Ein Passant kam vorbei und hat sie dann angeschoben. Bevor sie losfuhr, rief sie aber noch nach oben: »Du stehst da nur rum und tust gar nichts!« Ich war völlig durcheinander und wusste nun gar nicht mehr, was ich noch machen sollte. Man ist plötzlich völlig verwirrt. Das ist die Problematik des modernen Mannes.

Haben Sie Ihrer Freundin das Problem erklären können?

Ja, schon. Sie hat es verstanden, aber an dem Problem hat das trotzdem nichts geändert. Die emanzipatorische Entwicklung ist zum Glück unumkehrbar. Es war ja auch nicht ihr Problem, sondern meins; es ist keines der Frauen, sondern eines der Männer. Die Männer sind stehen geblieben und fragen sich, was sollen wir denn jetzt eigentlich machen? Der Mann ist gar nicht so stark, wie er denkt, im Grunde ist er zu einem Spiegelbild der Frau geworden.

Es gibt Schlimmeres.

Ja, aber nun schauen wir Männer immer nur noch: Was will die Frau? Welche Interessen hat sie? Was für einen Mann will sie haben? Einen Macho? Oder einen Softie? Jemand ganz anderen? Oder gar keinen? Das führt zu einer Verwirrung, von der ich gar nicht mehr weiß, wie man sie noch auflösen kann.

War Ihr Roman so angelegt, dass das Thema darin Platz hat, oder hat sich das beim Schreiben von selbst so ergeben?

Beides. Wichtig war mir, dass das Gefühl des Sich-Wunderns darin auftaucht. Diese simple Frage »Was soll ich hier eigentlich?« Im Supermarkt, im Kino, in der Disko. Aber auch allgemeiner: im Leben. Am Anfang war die sich über alles wundernde Haltung dieser Figur, Holm. Das passt zu Botho Strauß’ Titel »Der Untenstehende auf Zehenspitzen«. Strauß ist einer der besten Titelfinder in der deutschen Literatur, nur seine Bücher finde ich nicht so toll.

Die Beziehung zwischen Holm und seiner Freundin, oder abstrakter, zwischen Mann und Frau kam erst später dazu.

Das ist doch ein uralter Topos der Literatur. Warum wird das ausgerechnet jetzt wieder so aktuell?

Männer fühlen sich bloßgestellt. Frauen haben die alten Muster schon überwunden und wir Männer eigentlich auch. Aber noch nicht ganz. Wie auch, die modernen Paarbeziehungen sind ja ein Patchwork von Uraltem und total Neuem. Vielleicht ist es das, was es so schwierig macht, zu einer Struktur, zu einer Form zu kommen. Ich glaube, dass es in der Kunst wie im Leben um ein Gleichgewicht der Form geht. Wenn das aber gestört ist, gilt das Kunstwerk als misslungen, während im Leben die Unsicherheit zunimmt.

Das muss ja kein Nachteil sein.

Sehe ich auch so. Nur sind wir gerade mitten in so einem Neufindungsprozess und ein Ende, ein Ziel, eine neue Form ist noch nicht abzusehen. Vor allem aber die Form braucht es. Denn Beziehungen leben davon, dass man die Grenzen des anderen kennen lernt. Auch wenn man sie überwinden will, muss man sie doch erst einmal erfahren.

Beziehungen sind ja überhaupt eine merkwürdige Veranstaltung. Ursprünglich ging es dabei mal darum, Kinder zu bekommen. Heute werden immer weniger Kinder gezeugt, man ist aber aus irgendwelchen Gründen immer noch zusammen. Aber warum nur? Darauf Antworten zu geben, ist mir jetzt aber zu viel.

Warum? Halten Sie sich in solchen – nicht selten öffentlich geführten – Debatten lieber zurück oder würden Sie gerne daran teilnehmen, wenn man Sie fragte?

Ich würde teilnehmen. Allein schon deshalb, um zu erfahren, was ich zu diesem oder jenem Thema denke. Erst beim Schreiben merke ich, was ich von so einem Thema eigentlich halte.

Das klingt jetzt aber sehr ernst. Gehören für Sie Komik und Ernsthaftigkeit zusammen?

Unbedingt. Ich hasse diese ganzen Comedy-Shows der privaten Fernsehsender, diese Gagmaschinen, die pausenlos Witzchen absondern, und ich mag auch keine Bücher, in denen der Autor seine Figuren nicht ernst nimmt oder nur zynisch ist. Ernsthaftigkeit ist die Basis für Humor und Komik.

Was stört sie am Zynismus?

Mit Zynismus lässt sich keine Zukunft planen, Zynismus ist mir zu wenig ernst. Nehmen Sie zum Beispiel Harald Schmidt. Er ist nur noch eine Figur, mehr nicht. Bei ihm weiß man gar nicht mehr, was von ihm nun zynisch, ironisch oder ernst gemeint ist.

Das sagt ausgerechnet ein Schriftsteller, dessen jüngstes Buch durch und durch komisch ist.

Ironie muss nicht an Zynismus grenzen, sie kann ja auch sanft und weich sein. Zynismus kommt aus einer Haltung der Überlegenheit, Komik nicht. Sie trägt oft zum Verständnis dessen bei, was man nicht versteht. Das ist mir als Haltung sympathischer, denn ich habe mehr Fragen als Antworten.

Von wem fühlen Sie sich, was das komische Schreiben angeht, inspiriert?

Karl Valentin, Gerhard Polt, Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino und auf der bildlichen Ebene, die mir sehr wichtig ist, ganz sicher Loriot. Aber sie werden in Deutschland immer noch nicht so wahrgenommen, wie sie es verdient hätten. Das liegt daran, dass die Komik hierzulande nicht ernst genommen wird. In den Buchhandlungen stehen diese Autoren dann zwischen Witzanthologien und Geschenkbüchern. In anderen Ländern wären sie Stars, hier geben die Feuilletons eher den Schriftstellern den Vorzug, die tief und traurig schreiben.

Woran liegt das?

Zum Humor und zur Komik gehört eine gewisse Sicherheit, und diese Sicherheit hat den Deutschen über lange Zeit gefehlt bzw. fehlt zum Teil bis heute. Unsicherheit bringt selten Humor hervor, sondern meistens Aggressivität und Zynismus. Bezogen auf den Charakter einer Gesellschaft, meine ich.

Sind Sie sicher? Haben Sie Ihren Stil gefunden?

Seit »Ein Mann wie Holm« ja. Aber sicher bin ich nicht. Holm ist bestimmt auch von meiner Autobiografie geprägt, vor allem was die Unsicherheit betrifft. Am Anfang steckt da viel von mir drin, doch mit der Zeit entwickelt er ein Eigenleben, emanzipiert sich von mir. Zu 20, 30, in einigen Fällen auch 40 Prozent bin ich dieser Holm, der Großteil aber ist anders. Ich könnte nicht über Figuren schreiben, die mit mir gar nichts zu tun haben.

Holms Welt ist anfangs eine kindliche, unselbständige, erst im Lauf des Romans gewinnt er an Sicherheit. Gilt das auch für Sie?

Ja, das ist ähnlich. Am Anfang arbeitet man da alleine vor sich hin und weiß gar nicht, worauf das alles hinauslaufen soll. Dann merkt man, dass man hier zum ersten Mal seinen Stil gefunden hat, das pusht dann enorm und gibt einiges an Sicherheit. Es ist ein wenig wie Tischtennis, hier ist man selbst, dort ist die Figur, und wir spielen uns die Bälle zu. Am Ende ist die Figur ein Stück weiter gekommen, man selbst aber auch. Das sind aber nur kleine Schritte, zu große Sicherheit wäre für den Text auch nicht gut.

Wenn wir uns das Gespräch bis hierhin noch mal anschauen, dann kommen wir an einigen zentralen Begriffen nicht vorbei: Form, Genuss, Gewohnheit, Werte, Beziehungen, Haltungen, Sicherheit. Klingt ganz schön altmodisch. Sind sie ein altmodischer Mensch?

Wahrscheinlich schon. Aber was ist schon altmodisch? Ein Urbedürfnis von Menschen ist es doch, Geschichten zu erzählen und erzählt zu bekommen. Auch das kann man als altmodisch bezeichnen und in diesem Sinne bin ich auf jeden Fall altmodisch.

Meine Idee ist es, mit der Literatur ein wenig ins mündliche Erzählen zurückzugehen. Klar, Sprache ist wichtig und sie kann brillieren. Aber für mich ist Sprache dennoch nur das Gitter, durch das man noch etwas anderes sieht: Figuren und ihre Geschichten. Wenn ich die Wahl hätte zwischen »fein ziseliert« und »komm, ich erzähl dir mal was«, wüsste ich, wie ich mich entscheide. Am besten ist es, wenn beides zusammen geht.

In der Regel spielen neue Berlin-Romane – wie »Ein Mann wie Holm« ja einer ist – in Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg-Friedrichshain. Auch hier sind Sie altmodisch und führen uns nach Gropiusstadt und Charlottenburg-Wilmersdorf, also ins alte Westberlin.

Ich bin seit 15 Jahren in Berlin und habe in dieser Zeit das alte Westberlin gut kennen gelernt. Ich habe mich beim Schreiben ganz bewusst dafür entschieden, Holm dort leben und arbeiten zu lassen. Wo passte er besser hin als nach Gropiusstadt?

Ich kenne aber natürlich auch den so genannten Osten der Stadt, im Gegensatz zu vielen Westberlinern, die sich weigern, dort mal hin zu fahren. Und mit Osten meinen sie nicht Marzahn, sondern Berlin-Mitte. Das finde ich skurril.

Skurril ist aber auch, dass sich der altmodische Holm aus dem alten Westberlin auf die Suche danach macht, was denn sein »Projekt« sein könnte. »Projekt« wird ja derzeit alles genannt – ein hypermoderner und hochnerviger Begriff. Warum verwenden Sie ihn?

Ich finde es in Romanen wichtig, dass sie sich verorten, räumlich wie zeitlich. Nichts ist langweiliger als ein Roman, der völlig zeitlos im Nichts spielt. Eckhard Henscheids »Trilogie des laufenden Schwachsinns« spielt unverkennbar im Frankfurt der siebziger Jahre, ist bis heute vergnüglich zu lesen und hat, obwohl es sich um Prosa handelt, hohen dokumentarischen Wert. Und wie kann man sich zeitlich zur Gegenwart besser verorten als mit dem Wort »Projekt«. So etwas hätte vor 20 Jahren niemand gesagt.

Bei Henscheid wird ja auch in einem fort geraucht.

Wer raucht, wirkt sicherer. Wenn Sie eine Zigarre in der Hand halten, wirken Sie souveräner als wenn Sie ständig mit den Händen durch die Luft fuchteln. Sie können sich an etwas festhalten. Außerdem vernebelt man dabei ständig sein Gesicht, ist nicht mehr so gut sichtbar, kann sich ein wenig verstecken. Rauchen – das ist auf jeden Fall eine Krücke für Unsichere. Womit ich nicht sagen will, dass ich unsicher bin. Aber wer weiß.

In Henscheids Trilogie wird aber noch mehr getrunken als geraucht. In ihrem Roman spielt das Trinken kaum eine Rolle.

Am Ende trinkt Holm ein wenig. Das passiert aber erst, als sich seine Ordnung aufzulösen beginnt und das Chaos einzieht. Ansonsten taugt er nicht fürs Trinken, er schleppt schon genügend Zwänge und Marotten mit sich herum. Und er muss ja auch nicht alles machen, was ich gerne mache, nur weil er nicht gerne Sachen macht, die ich nicht gerne mache. Außerdem kommen ja noch zwei Bände.

Was machen Sie denn nicht gerne?

Reisen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Ausland aufgewachsen bin, in Teheran und Tokio. Wir waren in Teheran, als die iranische Revolution ausbrach. Ständig fiel die Schule wegen Bombendrohungen aus, draußen hörte man Schüsse und wir mussten immer zuhause bleiben. Das war aufregend und bedrohlich zugleich. Danach sind wir nach Tokio gezogen. Dort habe ich auch mit dem Schreiben angefangen, und zwar, weil ich meine Umwelt abgelehnt habe. Ich wollte nicht dorthin, es ging aber nicht anders, und dann habe ich meine Verweigerung durchs Schreiben ausgedrückt. Diese Ortswechsel haben bei mir zu dem Wunsch geführt, endlich mal an einem Ort bleiben zu wollen. 1989 bin ich nach Deutschland zurückgekehrt und habe mich relativ schnell für Berlin entschieden.

Warum ausgerechnet Berlin?

Nach Tokio ist man für kleine Städte verdorben, auch Berlin ist dagegen eine kleine Stadt. Aber immer noch die größte in Deutschland. Hinzu kam die Wende. Wenn die Mauer noch gestanden hätte, hätte ich mich vielleicht anders entschieden. Egal, Hauptsache, ich kann mal über längere Zeit an einem Ort leben und muss nicht immer herumreisen. Das kann genauso schrecklich sein wie diese reaktionäre Heimatliebe, dieses Tümelnde, das viele haben, die noch nichts von der Welt gesehen haben.

 

(in: Jungle World 06/2006)

 

Interview zum Roman

EIN MANN WIE HOLM (Heiko Arntz trifft M. Keidtel)

 

Felix Holm, der Held Ihres aktuellen Romans, ist siebenunddreißig, geht keiner geregelten Arbeit nach und läßt sich von seiner Tante aushalten. Was stimmt mit ihm nicht?

 

Er ist ein moderner Mann, er findet sich nicht zurecht in dieser Welt. Das geht doch den meisten so, oder? Die zeigen es nur nicht. Holm steht praktisch am Beginn einer Erkundung des neuen Rollenverständnisses. Er ist naiv und betrachtet das Leben und die Frau, die er erobern will, quasi als fremden Planeten. Im Wesentlichen geht es um eine Art Mondlandung. Die Frage ist: Wo hisse ich jetzt meine Flagge? Und was soll der ganze Unsinn?

 

Holm versucht sich in einer als chaotisch empfundenen Welt einzugewöhnen. Das übersichtlich spießbürgerliche Ambiente seiner Tante kommt ihm da gerade recht. Schildern Sie da eine Idylle?

 

Jeder versucht sich doch auf irgendeine Art eine Idylle zurechtzuzimmern, ob nun der Bankbeamte oder der Obdachlose. Man will sich abgrenzen, um dadurch die Welt, die in den letzten Jahren scheinbar immer größer geworden ist, erträglich zu machen. Spießig wird man da fast zwangsläufig. Mich fasziniert das Spießige, weil es das Gegenteil dieses globalisierten Gaga ist. Außerdem gefallen mir Idyllen, man sitzt nett rum und hat immer was zu trinken.

 

Herr Holm ist in seinem Leben nur ein einziges Mal aus Berlin herausgekommen und hat nicht vor, eine ähnliche Erfahrung noch einmal zu machen. Sie hingegen sind in Tokio und Teheran aufgewachsen. Wären Sie lieber wie Herr Holm zu Hause geblieben?

 

Ja. Am liebsten würde ich heute noch in Itzehoe - meiner Geburtsstadt - sitzen und mit meiner Tante Eierlikör trinken. Allerdings hätte ich dann bis heute kein Wort geschrieben.

 

Weshalb interessiert Sie ein Mann wie Holm?

 

Literarisch bevorzuge ich Schlappis, Heim-Werker, Muttersöhnchen und anderes männliche Gezwerge. Die geben vom humoristischen Standpunkt aus ungeheuer viel her. Der Mann als solcher ist heutzutage ja eigentlich eine Figur am Abgrund. Ich bin überzeugt, die Frau wird den Mann irgendwann biologisch verdrängt haben. Finde ich toll, ich wollte schon immer auf halbwegs vernünftige Weise vom Erdboden verschwinden. Leider werde ich das nicht mehr erleben.

 

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

 

Ich arbeite am zweiten Teil der „Trilogie des modernen Mannes". Holm ist privat und beruflich gescheitert und wohnt wieder im Kinderzimmer seines Elterhauses. Allerdings nicht mehr lange, denn er hat eine tolle Idee. Welche, verrate ich hier natürlich nicht. Da er seit längerem Reinhard-Mey -Fan ist, weiß der Teufel wieso, musste ich zu Recherchezwecken jetzt in ein Konzert gehen um mir Reinhard Mey anzuhören. Bis dahin war ich selber nämlich kein Fan von ihm. Und was soll ich sagen, das Konzert war gar nicht mal übel.

 

Mit Matthias Keidtel sprach Heiko Arntz, Dez. 2005.